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Russisch als dritte Fremdsprache am Otto-Hahn-Gymnasium Böblingen – warum eigentlich?

Englisch, Französisch, Latein – na klar, diese Aufzählung hört sich verdächtig nach Schule an und erinnert an die Sprachen, die an den allermeisten Gymnasien in Deutschland gelehrt und gelernt werden. Sofern einem zu Ohren kommt, dass auch das Fach Russisch angeboten wird, denkt man häufig an die neuen Bundesländer der ehemaligen DDR – schließlich bestanden aufgrund der Bindung zur UdSSR äußerst enge Kontakte zum „großen Bruder“ Sowjetunion, wozu auch ein intensiver kultureller Austausch gehörte und Russisch die erste Fremdsprache in der DDR war. Weniger bekannt sein dürfte die recht stattliche Anzahl an Schulen mit Russisch in Baden-Württemberg – darunter alleine 19 Gymnasien. Wie kommt es, dass das Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) als einziges Gymnasium in Böblingen das Fach Russisch anbietet, und wie empfinden dies Lehrende und Lernende, also die Betroffenen, in ihrem Alltag?

Anfang der siebziger Jahre, also bereits in den allerersten Jahren des 1970 gegründeten OHG wurde das Fach auf Betreiben des Sudetendeutschen Josef Stenz eingeführt; er hatte noch vor dem Krieg in Prag Russisch studiert und dies bis zu seiner Flucht aus dem kommunistischen Teil Deutschlands dort unterrichtet. Wie der ehemalige OHG-Russischlehrer Peter Jakubow berichtet, hatten die Slawisten das Glück, dass ihnen der für sie zuständige Beamte Dr. Kieß am Oberschulamt Stuttgart wohlwollend gegenüberstand und daher die Einführung von Russisch als Schulfach entschieden förderte – unter anderem eben am OHG, das als eines der ersten Gymnasien das Schulfach Russisch anbot. Ohne das Engagement von Lehrern wie Josef Stenz wäre es aber nicht dazu gekommen, dass Schüler Russisch lernen können – und das bis in unsere Gegenwart.

Wie muss man sich den Russischunterricht am OHG heute konkret vorstellen? Im liebevoll gestalteten Fachraum herrscht eine Umgebung, welche die Schüler für die Inhalte des Faches öffnen soll. In den Lerngruppen wird die Sprachkompetenz vermittelt, welche die Schüler dazu befähigt, sich selbständig auf Russisch zu verständigen. Zunächst stellt der Umgang mit dem kyrillischen Alphabet aber eine erste Hürde dar, die es zu überwinden gilt – und umso größer ist der Stolz, wenn sich der Erfolg einstellt, nicht nur Fortschritte in einer unbekannten Sprache, sondern auch beim Schreiben zu machen, was dem „exotischen“ Russisch einen zusätzlichen Reiz verleiht. Zugleich bietet das Fach Einblick in die Geschichte und Kultur Russlands. Die Lehrer haben dabei die Funktion, als „Brückenbauer zwischen Kulturen“ zu agieren – eine Aufgabe, die sie mit großer Freude wahrnehmen, wie die Russischlehrerin Antje Brokoph sagt. Auch die Schüler empfinden dieses Kennenlernen als besonders gewinnbringend, zum Beispiel Helena Schmidt aus der zwölften Klasse: „Insbesondere gefällt mir, dass man sehr viel über die Menschen selbst lernen darf, was meiner Meinung nach den Russischunterricht ganz besonders macht.“ Auch die sechzehnjährige Mia Hedges schätzt den interkulturellen Austausch – beispielsweise das Kennenlernen der russischen Küche beim gemeinsamen Kochen oder der Einblick in das russische Kino beim Filmeschauen.

Der alljährlich stattfindende Austausch zwischen dem OHG und einer Partnerschule in Moskau ist das entscheidende und prägende Erlebnis für alle Russischlerner. Sowohl die russischen als auch die deutschen Schüler lernen dabei eine andere Welt kennen, machen interkulturelle Erfahrungen und knüpfen vor allem persönliche Kontakte. Tatjana Bier und Antje Brokoph, die den Austausch seit Jahren organisieren und miterleben, berichten, dass die Verbindungen zu den Kollegen der russischen Partnerschule immer enger und persönlicher werden. Für die Schüler sei es in aller Regel beeindruckend, die Metropole Moskau zu erleben und die Gastfreundschaft in den Familien zu genießen. Es ist erstaunlich und ein Gewinn für beide Seiten, dass trotz der nicht immer einfachen, mitunter stark belasteten Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zum russischen Staat der persönliche Kontakt zu den Menschen nicht beeinträchtigt und also zwischen Politik und Persönlichem unterschieden wird.

Ein pragmatischer Grund, sich für dieses Schulfach zu entscheiden, ist der Erwerb einer Art „Osteuropakompetenz“ als einer zusätzlichen Berufsqualifikation:  Die Russischlernenden erwerben die Fähigkeit, sich im osteuropäischen Raum sprachlich und interkulturell angemessen zu bewegen und bringen durch Russisch alles mit, um weitere slawische Sprachen schneller zu lernen oder auch nur leichter verstehen zu können.

Weitere Vorteile lassen sich unschwer finden. Die 17-jährige Helena kann sich vorstellen, in Zukunft „während eines Studiums an einem Auslandsmodul in Russland teilzunehmen. Da hilft es mir natürlich ungemein, die Sprache und das Land gut zu kennen.“ Auch die Elftklässlerin Mia ist überzeugt, dass ihr das Beherrschen des Russischen im Beruf helfen wird. Vor allem aber glaubt sie, dass sie dadurch zu einer Welt beitragen kann, „die mehr Akzeptanz und Toleranz zulässt. Ich habe durch den Russischunterricht somit auch gelernt, meine Weltsicht zu ändern und Stereotype aufzugeben.“

Russisch ist ein Exotenfach – das wird sich auf absehbare Zeit kaum ändern. Zur internationalen Verständigung trägt das Fach am OHG nun schon seit 1973 bei. Und wird dies auch in Zukunft tun.

 Sebastian Barth