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Die Ausdrücke „Holocaust“, „Judenverfolgung“ und „Nationalsozialismus“ sind allen Deutschen ein Begriff und sollten nicht in Vergessenheit geraten.

Am Dienstag, den 12.November 2019, bekamen die Schüler der Oberstufe des Otto-Hahn-Gymnasiums in Böblingen die Chance, eine Zeitzeugin zu treffen. Eine Chance, die es durch das Ende der Zeitzeugengeneration schon bald nicht mehr geben wird. Auf Einladung der Fachschaft Geschichte und organisiert von den Geschichtslehrern Sebastian Barth und Susanne Söhn-Rudolph reiste die Holocaust-Überlebende Sara Atzmon nach Böblingen, um den Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG), von ihrem Leben und dem Überleben in diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte zu erzählen. Das OHG trägt das Prädikat „Schule ohne Rassismus“ und legt viel Wert auf ein Sozialcurriculum, das jeder Schüler durchläuft. Die Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden fügt sich trefflich in diesen Anspruch, der zugleich Verpflichtung ist.

Sara Atzmon begann ihre Erzählungen nach einer kurzen Einführung durch den Geschichtslehrer Sebastian Barth über die traurige Aktualität des Antisemitismus in Deutschland nach dem Terroranschlag in Halle und Einblicken in die aktuelle Lage Israels durch Uri Atzmon, Saras Ehemann.

Ihr Vortrag war hinterlegt mit den Bildern, die die Künstlerin selbst malte, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, da Worte „zu klein“ seien, um dem Schrecken Ausdruck zu verleihen. Gefasst, jedoch eindrücklich und ausdrucksstark schilderte sie die Demütigung, die sie durch die Nationalsozialisten erfuhr, den Dingen, die sie im Krieg mit ansehen musste, und ihre konstante Angst, von der sie nicht einmal ihrer Mutter etwas sagen wollte. Aber sie erzählte auch von der Hoffnung, die sie durch ihren Glauben aufrechterhalten konnte und nie verlor.
Sara Atzmon, geborene Gottdiener, kam 1933 in Ungarn zur Welt und wurde im zarten Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihrer jüdischen Familie nach Auschwitz deportiert. Dort angekommen wurde der volle Zug allerdings wieder weggeschickt, Auschwitz wäre „überbucht“, hieß es. So fuhr er weiter nach Deutschland.
Die langen Zugfahrten zwischen Polen, Österreich und Deutschland schilderte sie besonders eindrücklich.
Unter menschenunwürdigen Bedingungen waren 96 Menschen insgesamt 23 Tage in einem 3 x 6 m großen Waggon eingesperrt. Eine von ihnen war die junge Sara Atzmon. An ihrem einen Fuß trug sie einen roten Kinderschuh, an dem anderen einen Frauenschuh mit hohem Absatz, den sie von den SS-Männern bekam.
Endstation war Bergen-Belsen, die „Hölle“, wie Sara Atzmon das Konzentrationslager in der Nähe von Hannover nennt. Dort hörte das Grauen, das sie und viele Juden sowie andere Gefangene jeden Tag erfuhren, nicht auf.
Es wurde schlimmer.

Täglich musste das junge Mädchen etwa zwei bis fünf Stunden im Freien Appell stehen, bekam nur einmal pro Woche ein kleines Stück Brot und hatte weder Wasser zum Trinken, noch welches, um sich zu waschen. Dazu kamen die unzähligen Leichen, die überall herumlagen, der Gestank des Rauches aus dem Krematorium, in dem die toten Menschen verbrannt wurden, die klirrende Kälte und die Tatsache, dass ihnen Menschenfleisch zu essen gegeben wurde, was alle Zuhörenden augenscheinlich zutiefst schockierte. Doch sogar die Nahrung wurde dazu genutzt, die Juden zu demütigen. So mussten diese mitunter Schweinefleisch essen, etwas, das in der jüdischen Religion verboten ist, da es als nicht koscher gilt, wenn sie nicht bis zum Hungertod verweigert wurde.

So war es besonders rührend, als Atzmon vom Geburtstag ihrer Schwester in Bergen-Belsen erzählte, an dem sie dieser ihre Essensration als Geschenk überließ und dafür selbst hungerte.

Im April 1945 wurde Sara Atzmon vom amerikanischen Militär befreit. Zu diesem Zeitpunkt wog die damals Zwölfjährige nur noch 17 Kilo, ein Gewicht, das normalerweise ein Kind im Alter von drei bis vier Jahren auf die Waage bringt. Doch anders als 60 ihrer Verwandten, darunter ihr Vater und drei ihrer Brüder, überlebte sie.
Heute, 74 Jahre später, lebt Sara Atzmon in Israel und reist gemeinsam mit ihrem Mann umher, um speziell jungen Menschen ihre Geschichte zu erzählen und vor dem Vergessen des Holocaust zu warnen.
Im Jahre 2014 wurde über ihr Leben der Dokumentarfilm „Holocaust light gibt es nicht!“ gedreht, in dem sie mit ihrer Enkelin jene Orte besuchte, die mit so vielen Erinnerungen und Schrecken behaftet sind.
Nachdem sie alle Fragen beantwortet hatte, spielte Sara Atzmon ein jüdisches Lied auf ihrer Mundharmonika vor, ein emotionaler Abschluss des Erzählten.

Neben tiefer Bewegtheit und großer Bewunderung für die Stärke dieser Frau bleibt bei den Schülern vor allem das hängen, was Sara Atzmon ihnen pointiert gesagt hatte:

„Begegnet anderen Menschen stets mit Respekt, denn wenn der Kopf voll ist mit Hass, kann er nicht denken!“                          

Besonders bemerkenswert ist dieser Satz aus dem Mund einer Frau, die allen Grund zum Hassen hätte.

Luna-Maria Ritter J2 

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